Unterwegs mit Hurtigruten – in 7 Tagen von Bergen nach Kirkenes

22. Oktober 2018

Nun also Norwegen.
33 1/2 Jahre hielt ich Skandinavien für völlig überschätzt. Mich zog einfach nichts in den Norden. Klar, auf Fotos sah die Natur wild und unberührt, die Städtchen pittoresk und ordentlich aus. Nicht abstoßend, nicht anziehend, es war mir einfach egal. Bis eine Kollegin von mir im letzten Jahr eine Kreuzfahrt mit Hurtigruten entlang der norwegischen Küste machte – und ich parallel auf der Suche nach einer kürzeren Reise war, die ich und der Mann zusammen mit meinen Eltern machen könnten. Da passte Hurtigruten einfach: Eine kurze Anreise, entspannte Tage, Gemütlichkeit und Vollpension, dazu ein paar organisierte Ausflüge an Land – ideal. Und nachdem wir nun über 2500 km an der norwegischen Westküste entlang geschippert sind, kann ich sagen: Da oben ist es zauberschön. Und Skandinavien ab sofort mein neuer Sehnsuchtsort.

Das Ding mit den Kreuzfahrten

Es war meine erste Schiffsreise und ich vermeide den Begriff Kreuzfahrt, weil ich grundsätzlich  mit Kreuzfahrten auf Kriegsfuß stehe. Eine Kreuzfahrt, das ist für mich: Weiße Touristen lassen sich auf schwimmenden Plattenbauten über die Ozeane befördern, fallen dann zu Tausenden in kleine Hafenstädte ein, in denen sie nur kurz gucken, aber nichts kaufen (an Bord ist ja alles umsonst), dabei aber einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, der so tief ist wie der Marianengraben. Im schlimmsten (aber nicht seltensten Fall) unterstützen sie dabei auch noch die Ausbeutung der Mitarbeiter an Bord sowie findige Steuertricks der deutschen Reedereien, die die weißen Riesen lieber unter ausländischer Flagge fahren lassen. Das alles wurde bereits 2016 von der Zeit aufgedeckt und war mir seitdem auch bekannt.

Nun habe ich mich dennoch ein paar Tage durch Gegend schaukeln lassen. Warum? Während sich die Umweltbilanz sicher nicht schön rechnen lässt, sind Definition und Motivation von Hurtigruten historisch gewachsen eine andere. Denn es handelt sich eher um eine Kombination aus Kreuzfahrt-, Fracht- und Fährschiff. Viele Gäste an Bord pendeln nur von einem Hafen zum anderen, zu Freunden und Familien, zu denen es sonst keine Verbindung gäbe. Gerade früher war der Norden Norwegens im Winter vom Rest des Landes quasi abgeschnitten: Keine Kommunikation, kein Austausch von Waren – nichts. Deswegen wurde Hurtigruten 1893 aus der Taufe gehoben. Heutzutage spielt der Tourismus natürlich eine bedeutend größere Rolle.

Schiff-Ansicht

Dieses Dasein als Frachtschiff macht es den Touristen aber manchmal gar nicht so leicht: So schön es ja ist, in die kleinen Fjorde und winzigen Häfen zu schippern, so unangenehm ist es, wenn Häfen nachts angelaufen und das Frachtgüter ausgeladen werden. Hurtigruten hält auf der üblichen 12-Tage-Rundreise (Bergen – Kirkenes – Bergen) insgesamt 67 Mal, und bis vier Mal nachts. Das vibriert, das rummst, das klappert, das ist hell – und ja, das stört. Je nach Schlaflevel. Es gab Nächte, da bin ich dauernd wach geworden. Und es gab Nächte, da habe ich geschlafen wie ein Stein. Ein sehr schwerer, müder Stein. Aber eigentlich wollte ich ja noch über Hurtigruten als besseren Gegenentwurf zu Kreuzfahrten sprechen: Hurtigruten segelt unter norwegischer Flagge, und dementsprechend sind die Mitarbeiter auch angestellt und versichert. Da kann sich so mancher deutscher Kreuzfahrtanbieter noch eine Scheibe von abschneiden. Zudem bemüht man sich sehr, mit lokalen Produzenten und Anbietern zusammenzuarbeiten – da gibt es Eier aus Rørvik, Käse aus Gangstad oder Lamm aus Hellesylt. Ich fand das sehr charmant, obwohl ich natürlich um diese Storytelling-Marketing-Masche weiß. Das macht es aber nicht weniger authentisch. Und weil ich mich für echte, handwerklich hergestellte Lebensmittel begeistern kann, war auch das Essen für mich im wahrsten Sinne des Wortes ein echtes Zuckerschlecken. Aber dazu komme ich später noch einmal.

Trondheim

Hurtigruten: Flotte, Route, Allgemeines 

2018 hat Hurtigruten sein 125-jähriges Jubiläum gefeiert, gibt’s also schon ‘ne ganze Weile. Die Flotte besteht aus aktuell elf Schiffen, von denen einige groß und modern, andere klein und betagt sind. Die MS Lofoten, die Oma der Hurtigruten-Flotte, wurde 1964 vom Stapel gelassen und hat derlei – logischerweise – nicht zu bieten, dafür aber eine besondere Atmosphäre und einen eher von Nostalgie geprägten Aufenthalt. Unser Schiff, die MS Nordkapp ist Baujahr 1994, wurde 2016 umfassend renoviert und besticht durch kleinere Luxus-Pluspünktchen wie zwei Whirlpools an Deck, einen Fitnessraum und drei Restaurants. 2019 wird Hurtigruten mit der MS Roald Amundsen auch das erste Expeditions-Hybridschiff der Welt zu Wasser lassen.
Nicht zuletzt hängt die Wahl des Schiffs vom Starttag eurer Reise ab.

Die klassische Route fährt ab Bergen innerhalb von 12 Tagen nach Kirkenes (ab hier sind es noch 15 Kilometer bis Russland) und wieder zurück nach Bergen. Das muss gar nicht langweilig sein, weil Häfen, die auf der Fahrt gen Norden tagsüber angefahren werden auf der Fahrt gen Süden nachts angefahren werden und umgekehrt. Es gibt also jeden Tag etwas Neues zu sehen und zu entdecken. Das Personal an Bord spricht Norwegisch, Englisch und Deutsch.

Was macht man denn so an Bord?

Tja, also vor Reiseantritt habe ich mir so überlegt: „Wow, die Tage werde ich mir lang werden lassen. Rumfläzen, lesen, spazieren, ein bisschen essen, das wird sicher die längste Woche meines Lebens!!111“ Und jetzt? Nichts war! Natürlich habe ich rumgefläzt, ich habe gelesen, ich habe ein bisschen gegessen – aber die Woche verging wie im Flug. Der Rhythmus an Bord ist gemütlich, aber doch strukturiert. Kein Tag gleicht dem anderen. Mal ging es schon kurz nach dem Frühstück für eine Erkundungstour an Land, mal erst am Vormittag, mal eher in den Abendstunden. Dazwischen genügsames Ausruhen und Entspannen, ein Kaffee hier, ein Snack dort. Lesen, schlummern, die Aussicht genießen. Es ist mir unmöglich, einen „typischen“ Tag exemplarisch festzuhalten.

Tromsö

Auch steht eine Reise im Winter im kompletten Gegensatz zu einer Reise im Sommer. Nicht nur die Ausflugsmöglichkeiten ändern sich (dazu unten mehr): Ihr befindet euch schließlich hoch im Norden und viele Tage sogar nördlich des Polarkreises auf 66° 33′, also offiziell in der Arktis: Da bleibt es im Sommer pausenlos hell und freundlich, während es im Winter kaum Tag wird und die Temperaturen schnell ins Bodenlose fallen. Beides hat seinen Reiz, ohne Frage – aber die berühmten Nordlichter könnt ihr selbstverständlich nur in den dunklen Monaten sichten.

Sind da wirklich nur Rentner auf dem Schiff?

Ich habe tatsächlich während unseres Aufenthalts mehrmals über Instagram die Frage gestellt bekommen, ob „wirklich so viele Rentner“, „Senioren“, „alte Leute“ mit an Bord sind. Ja. Es gab zwar noch einige weitere Paare in unserem Alter (also so Anfang/Mitte 30), aber die überwiegende Mehrheit war ein deutlich älteres Semester. Aber ganz ehrlich: Wen interessiert’s? Ich wusste ja, dass die MS Nordkapp kein Party-Schiff ist – hätte ich dann ja auch nicht gebucht, ne? Außerdem war ich auf der Suche nach überwältigender Natur und tiefer Entspannung, nicht nach neuen Freunden.

Wie sehen die Kabinen aus? 

Das kommt natürlich auf die gebuchte Kategorie an. Wir hatten den 08/15-Standard und waren sehr zufrieden. Ja, die Kabinen waren etwas älter, nicht renoviert und für mich persönlich würde ich wohl einen anderen Einrichtungsstil wählen. Aber wir hatten freie Sicht nach draußen – es gibt auch noch Innenkabinen ohne Fenster, das ist die günstigste Kategorie –, zwei sehr gemütliche Einzelbetten, Schreibtisch und Kleiderschränke, ausreichend Ablageflächen und ein ausreichend großes Bad. (Achtung: Nicht duschen, wenn das Schiff gerade Schlagseite hat!)

Zudem verfügt jede Kabine über ein Info-Telefon, über das (auf Aktivierung) mitgeteilt wird, wenn gerade interessante Landstriche passiert werden, ein Vortrag des Expeditionsteams an Bord stattfindet, andere Schiffe der Hurtigruten-Flotte den Weg kreuzen – oder wenn Nordlichter zu sehen sind. Nachts könnt ihr natürlich in Ruhe schlummern, denn dann werden nur noch Durchsagen gemacht, wenn’s am Himmel leuchtet. Und das will doch keiner verpassen?

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Was gibt es für Ausflüge?

Also, Norwegen, teuer, teuer. Als eines der reichsten Länder der Welt mit einem der höchsten BIP der Welt und Bruttoverdienst-pro-Kopf der Welt guckt man als deutscher Standardverdiener im norwegischen Supermarkt ganz schön dumm aus der Wäsche. Ich hatte das Gefühl, dass nicht nur beim Alkohol kräftig zugelangt wird, sondern dass alle Lebensmittel ungefährt doppelt so teuer sind wie in Deutschland. Das zeigt sich auch an den Preisen für die Ausflüge, die von Hurtigruten angeboten werden. Derlei gibt es viele und wir haben uns aus finanziellen Gründen nicht täglich daran beteiligt. Stadtführungen und kleinere Rundgänge beginnen bei ca. 50 €, für aufregendere Dinge wie Königskrabben angeln (236 €), eine Husky-Schlittenfahrt (303 €) oder eine Quad-Safari zur russischen Grenze (181 €) muss man deutlich tiefer in die Tasche greifen. Die Ausflüge sind von Jahreszeit zu Jahreszeit unterschiedlich: Die von mir ersehnte Seeadler-Safari (211 €) ist zum Beispiel nur in Frühling und Sommer möglich, ebenso der Besuch des berühmten Geiranger-Fjords.
Wenn euer Herz an bestimmten Ausflügen oder Erlebnissen hängt, solltet ihr vorher unbedingt prüfen, dass diese in dem von euch angepeilten Zeitraum auch angeboten werden.

TrondheimUrke

Wie ist das Essen?

Ich habe mich jeden Tag auf Frühstück, Mittag- und Abendessen gefreut, wobei es mir vor allem das Drei-Gänge-Menu am Abend angetan hatte.
Zum Frühstück gab es Buffet, das keine Wünsche offen lässt: Brötchen und Brot, Wurst- und Käsewaren, weich- und hartgekochte Eier, die typischen warmen Speisen à la English Breakfast, denen man heutzutage scheinbar einfach nicht entfliehen kann, Marmeladen, Kaffee, Tee, Saft – es ist alles da und qualitativ ordentlich. Auch zum Mittagessen gab es häufig Buffet mit vielfältigen warmen und kalten Speisen, auch eine vegane Auswahl, die sich sehen lassen konnte.

Mein Herz gestohlen hat aber das Abendessen in Form eine Drei-Gänge-Menüs. Abwechslungsreich zusammengestellt und sorgfältig arrangiert hat uns jeden Abend ein Menü überrascht, das mit lokalen Zutaten aus vielen kleinen Betrieben an der norwegischen Küste gekocht wurde. Sogar eine komplett vegetarische Variante war dabei, wie ihr auf dem Foto sehen könnt: Kartoffel-Broccoli-Gnocchi mit Himmeltind-Käse aus Alan Gard, Haferkuchen mit Pilzen aus dem Hause Jaeder Adne Espeland und Schokoladenfondue, Erdbeeren und Lofotpils-Eiscreme aus Svolvaer. Hervorragend.

Menükarte Speisekarte Hurtigruten

Ich bin sonst keine besonders zahme Restaurant-Begleitung und finde eigentlich immer etwas zu meckern. Auf der Nordkapp blieb ich stumm. Leider habe ich erst am letzten Tag gesehen, dass es abends stets ein veganes Menü gegeben hätte, das sich hervorragend las. Schade. Aber das war sicher nicht meine einzige Chance – denn in Norwegen war ich nicht das letzte Mal.

Ha det bra und bis bald!

Trondheim Hurtigruten-NordkappAlesundOrnes-Trondheim

6 Kommentare

  • Antworten Jan 22. Oktober 2018 at 21:43

    Sehnsucht! Ja, wer Norwegen einmal besucht, bleibt im Geiste. Seit ich im vergangenen Jahr auf der Versteralen unterwegs war, will ich unbedingt wieder hin. Diese Natur, diese Menschen und überhaupt einfach alles, ist so genial.
    Ich bin so gespannt, wann ich es wieder dorthin schaffen werde. Und ich blicke mit Sehnsucht auf die ganzen Fotos und die Erinnerungen.
    Die Tour mit den Hurtigruten hat mich auch inspiriert für meine Packliste inspiriert. Norge <3
    Ich bin gespannt auf weitere Eindrücke und Schilderungen von dir. 🙂
    Liebe Grüße
    Jan

    • Antworten Christina | feines gemüse 23. Oktober 2018 at 8:58

      Danke für deinen Kommentar 🙂
      Ja, es war einfach so wunderbar. Hoffe, dass ich Norwegen auch mal vom Land aus entdecken kann.

      Liebe Grüße!
      C

  • Antworten Sabrina 22. Oktober 2018 at 22:04

    Okay, ich fang dann einfach mal an zu sparen, damit ich als Seniorin da mittuckern kann. 😀 Ach, ich würde sofort! Hab vor einigen Jahren von Hurtigruten gelesen und beschlossen, dass wir das irgendwann mal machen müssen. Danke fürs Bestätigen und Sehnsucht wecken!
    LG
    Sabrina

    • Antworten Christina | feines gemüse 23. Oktober 2018 at 8:57

      Ich hoffe, ihr schafft das noch vor der Rente? Sonst entgehen euch die Touren, für die man etwas rüstiger sein muss! 😉
      LG, C

  • Antworten Micha 14. November 2018 at 16:44

    Die ganzen Kreuzfahrt-Einwände… ja bekannt. Aber mal für ein paar Tage… so wie du… sieht super aus! Das Nordkap auf diese Weise – das wäre auch noch ein Ziel für uns. Und hey, nur am Rande: Freunde findet man auch außerhalb der gleichen Generation (wegen dem kleinen Rentner-Bashing 😉
    herzliche Grüße (und ich bin ja jetzt schon co-gespannt auf dein kleines Sabbatical!!!)

    • Antworten Christina | feines gemüse 15. November 2018 at 13:57

      Liebste Micha, endlich höre ich mal wieder von dir!
      Danke für deinen lieben Kommentar. Das war natürlich nicht als Bashing gemeint, sondern lediglich eine Feststellung und die Antwort auf die Frage, die mir tatsächlich am häufigsten gestellt wurde.
      Ganz viele Grüße und eine schöne Vor-Weihnachtszeit dir/euch,
      Christina

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