Warum wir aufhören sollten, uns mit Avocados vollzustopfen

19. August 2018

Avoado, du geliebtes Ding, du!

Versteht mich nicht falsch. Es ist mir ein Anliegen, direkt zu Beginn dieses Artikels klar zu stellen: Auch ich liebe Avocado. Ich möchte täglich Avocado essen. Ich mag sie auf Toast streichen, in Salat schneiden und zu einer frischen Guacamole mantschen. Wenn ich sie im Supermarkt zu kunstvollen Pyramiden aufgetürmt sehe, lacht mein Herz – und bricht im nächsten Moment entzwei.
Weil ich davon überzeugt bin, dass ich – dass wir alle! – viel weniger Avocados essen sollten.

Alle mögen Avocados. Warum eigentlich?

Es gab eine Zeit, in der ich wirklich sehr viele Avocados sehr bedenkenlos konsumiert habe. Warum? Nicht nur, weil sie mit ein bisschen Salz, Pfeffer und Zitronensaft unverschämt lecker schmeckt – auch, weil sie fürchterlich instagramable ist. Unglaubliche 8,5 Millionen Instagram-Fotos sind bereits unter dem Hashtag #Avocado zu finden; und wie wir alle ja wissen: Instagram weiß, was ankommt.

Die Avocado steckt außerdem voll „guter“ Fette und wichtiger Nährstoffe (Vitamine, Folsäure, Retinol, Carotin). Und da Nahrung heutzutage nicht mehr einfach nur lecker, sondern unbedingt funktional sein muss, ist die Avocado quasi das ideale Lebensmittel, der Inbegriff der bewussten Küche unserer Generation: Sie sieht gut aus, ist absolut clean, vegan – und macht uns auch noch schöner, straffer und gesünder. Also alles paletti? Wenn’s nur so wäre. Es ist wie so oft eine Frage des richtigen Maßes: 2013 wurden noch knapp 20.000 Tonnen Avocado aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland importiert, 2017 bereits 50.000 Tonnen. Auch 2018 wird den Vorjahresrekord aller Voraussicht nach brechen.

2016 hat die sehr geschätzte Elisabeth Raether in der Zeit sehr ausführlich über die ökologischen (und ökonomischen) Fragwürdigkeiten in Zusammenhang mit der Avocado-Wirtschaft – mit Fokus auf Südafrika – berichtet. Und seit der Lektüre sehe ich diese Frucht, den andauernden Hype und die ungebrochene Gier mit anderen Augen. So oder so habe ich das Gefühl, dass Regionalität und Saisonalität in vielen deutschen Küchen noch immer keine große Rolle spielt. Ich bin sicher, dass viele angeben würden, sich regional und saisonal zu ernähren, weil sie im Mai mal weißen Spargel gekauft haben und im Herbst gerne Kürbis-Kokos-Suppe kochen. Für mich ist das aber ein Allround-Ansatz, der bestimmte Regeln und ja, auch Verzicht beinhaltet. Weil nicht alles geht, nur weil man alles kann. Und genau da kommt die Avocado ins Spiel.

Wasserverbrauch, Waldrodung, Pestizide –
und die Mafia hängt auch mit drin

Es ist hoffentlich allen klar, dass fast ausschließlich große Agrarkonzerne hinter dem Millionengeschäft mit der Avocado stecken. Das ist per se nicht verwerflich (nennt sich halt Wirtschaft). Mit steigender Nachfrage aber werden Maßnahmen erforderlich, für die nur ein großer Player Mittel und Durchsetzungskraft besitzt. So hat zum Beispiel ein Avocado-Baum gewisse Bedürfnisse. Ziemlich viele sogar, Durst etwa, sehr viel Durst. Und braucht dementsprechend sehr viel Wasser. Nur 1 Kilogramm Avocado verschlingt in der Produktion 1000 Liter (!) Wasser [zum Vergleich: 1 Kilogramm Tomaten = 180 Liter, 1 Kilogramm Salat = 120 Liter]. Die dänische NGO Danwatch hat 2017 aufgezeigt, wie die großen Avocado-Produzenten in Chile illegal Flüsse und Grundgewässer trockenlegen und sowohl den Kleinbauern als auch der Bevölkerung das Wasser entziehen. Auch in Mexiko ist Wasser Mangelware, weswegen der expandierende Anbau von Avocados nicht so recht ins Bild (und schon gar nicht ins ökologische Gleichgewicht) passt.

Es geht aber nicht nur um Wasser-, sondern auch um Flächenknappheit: Weil ein Baum ja nicht massen- und dauerhaft Ertrag liefert, müssen ständig neue, frische Avocado-Bäume angebaut werden. Und die müssen ja irgendwo stehen. Und wenn die reguläre Fläche ausgeht, muss neue her:

In Mexiko, dem größten und wichtigsten Anbauland für Avocados, werden illegal Wälder abgeholzt, um Platz für Avocado-Plantagen zu schaffen. Selbsterklärend, dass es nicht gut sein kann, ein natürlich gewachsenes Ökosystem durch eine künstlich angelegte Monokultur, die regelmäßig mit Pestiziden überschüttet wird, zu ersetzen. Und in dem Zusammenhang tun sich weitere Fragen auf, die aktuell (noch) nicht beantwortet werden können. Was machen die Pestizide mit den zahlreichen Arbeitern auf dem Feld, der Luft, den Böden? Und was passiert eigentlich mit all der Fläche, wenn unser Hunger auf Avocados mal versiegt?

Wenn ein Grundnahrungsmittel plötzlich Luxus wird

Wäre Avocado-Anbau eine olympische Disziplin, baumelte Mexiko unangefochten die Goldmedaille um den Hals: 1/3 der weltweit konsumierten Avocados stammt aus dem kleinen Land. Ein Milliardenmarkt – und das hat auch die Mafia erkannt, die sich ihren Teil am grünen Gold nimmt.

Das kleine Land produziert und produziert und produziert… und kann die Nachfrage trotzdem nicht bedienen. Das führt auch zu hohen Preisen – Preise, die für einen durchschnittlichen Mexikaner mittlerweile zu teuer sind. Während wir nämlich immer mehr Avocados auf unsere Teller häufen, ist der Konsum bei der mexikanischen Bevölkerung gefallen. Kurz gesagt: Ein Naturprodukt, das vor mexikanischen Haustüren wächst und essenzieller Bestandteil der Landesküche ist, mutiert zum Luxusartikel. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bereits in Chile ab.

Der Ökologische Fußabdruck

Und noch so ein unangenehmer Aspekt: Irgendwie müssen die Avocado-Massen ja nach Europa transportiert werden. Und wenn sie, wie so oft eben, nicht aus Europa kommen, ist das ein ganz schön weiter und langer Weg. Die Zeit hat den Weg einer südafrikanischen Avocado-Lieferung nachgezeichnet – mit dem Schiff geht’s knapp vier Wochen nach Europa.

“Während der gesamten Reise lagert die Avocado bei komfortablen sechs Grad in einem strombetriebenen Container, in dem neben der Temperatur auch die Luftfeuchtigkeit und die CO₂-Konzentration kontrolliert werden – ein energiefressender Transport. Die Avocado ist stark geruchsempfindlich, sie darf auf keinen Fall mit geruchabgebender Ware gelagert werden. Sie verträgt keinen Schmutz, keine Fette und Öle, die Laderäume müssen absolut sauber sein. Auch Stöße machen dieser Rassekatze von Frucht viel aus, also reist sie nur gut gepolstert – das Verpackungsmaterial verschlechtert die Ökobilanz zusätzlich.”

Was wir tun können

Nur da sitzen und in die Guacamole weinen bringt natürlich nichts. Aber die bloße Erkenntnis, dass Avocado für uns nie ein Grundnahrungsmittel sein darf (!), ist für den Anfang nicht verkehrt. Was können wir noch tun?

  • Avocado-Konsum reduzieren: Ich habe mich mit mir selbst darauf geeinigt, nur noch höchstens eine Avocado pro Monat zu essen.
  • Bio- und Fair-Trade-Ware bevorzugen: Bio-Avocados wurden nicht mit Pestiziden behandelt, die die Böden (und die Arbeiter) nachhaltig vergiften. Mit dem Kauf einer Avocado mit Fair-Trade-Siegel unterstützt ihr die lokalen Bauern dabei, sich gegenüber großen Agrarkonzernen behaupten und fördert die soziale Entwicklung vor Ort. In Mexiko gibt es etwa die Kooperation Fairtrasa, die Fairtrade-Avoacdos und -Mangos nach Europa verschifft.
  • Europäische Avocados kaufen: Laut Bundesministerium für Ernährung bezieht Deutschland überwiegend Avocados aus Spanien. Komischerweise finde ich die hier aber nie. Zu denen solltet ihr allerdings bevorzugt greifen, ebenso zu Früchten aus Israel oder Marokko. Wenn’s denn sein muss.

Zum Abschluss noch ein Zitat, das ich auf den Punkt formuliert finde (und ins Deutsche übersetzt habe):

„Wenn wir uns für neumodische Importware wie Avocados entscheiden, müssen wir sicher sein, dass diese Früchte nicht nur uns, unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden zugute kommen – sondern auch den Menschen, die sie anbauen. Hinsichtlich der Nährstoffe: Was hat eine Avocado, was du nicht auch über andere Quellen beziehen kannst? Wenn du Vitamin E willst, sind Sonnenblumenkerne die bessere Wahl. Brokkoli und Kohl versorgen dich mit viel Vitamin K. Mehrfach ungesättigte Fettsäuren findest du in Olivenöl, Oliven oder Lamm, Folsäure in Linsen und Blumenkohl. Wenn wir nicht sicher sein können, eine ethische Wahl zu treffen, gibt es immer eine Alternative.“

Auch wenn ich grundsätzlich kein Freund von Superfoods bin, verurteile ich Lebensmittel nicht, nur weil sie in diese Kategorie eingestuft werden. An Grünkohl, der sich ja mittlerweile ebenfalls großer Beliebtheit erfreut, habe ich nichts zu bemängeln. Grünkohl ist gesund, billig und wächst quasi vor der Haustür. Langt also gerne tüchtig zu. Doch bei weit gereister Importware muss sich die Frage stellen, auf wessen Kosten wir das Produkt genießen dürfen.

Und weil ich das Gemecker aus den hinteren Reihen schon hören kann: Ich schreibe dies nicht bequem vom Thron der moralischen Erleuchtung. Wie bereits eingangs formuliert, weiß auch ich eine makellose, butterzarte Avocado zu schätzen. Aber ich bin nun einmal auch – genau so wie viele von euch, hoffe ich zumindest – auf der Suche nach Verbesserung. Nach Verbesserung meiner Person, meines Lebens und meines Lebensstils. Und aus diesem Streben heraus entstehen solche Blogposts. (Wenn euch bewusster Konsum, Umweltschutz und nachhaltiges Reisen grundsätzlich interessieren, hier drei Leseempfehlungen von Herzen: Franzi Schädel, Mehr als Grünzeug und Transglobal Pan Party.)


Quellen

Bundeseinfuhr von Avocado nach Deutschland 2013 – 2017 | BMFE
Das Märchen von der guten Avocado | DIE ZEIT
Avocado, die bittere Wunderfrucht | Süddeutsche Zeitung
Mexiko exportiert so viele Avocados, dass es nun importieren muss | Stern
Die Schattenseiten des Avocado-Booms | Deutsche Welle
Linguine mit Avocado und Pistazien | Transglobal Pan Party
Die Avocado und das organisierte Verbrechen | NZZ
Blood Avocado: The Dark Side of Your Guacamole | Vocativ
Avocados and stolen water | Danwatch
How the Avocado Became the Fruit of Global Trade | The NYT Magazine
Why you need to stop eating Avocados immediately | Delish
Rising avocado prices fuelling illegal deforestation in Mexico | The Guardian
Mexico considers importing avocados as staple priced out of consumers’ reach | The Guardian
Can hipsters stomach the unpalatable truth about avocado toast? | The Guardian
Mexico’s avocado boom causing deforestation and illnesses in local population | The Independent

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10 Kommentare

  • Antworten zorra 19. August 2018 at 11:51

    Avocados wachsen leider auch nicht das ganze Jahr über. Die Avocadosaison in Spanien beginnt im Januar, vielleicht findest du deshalb keine. Ausserdem gibt’s in Spanien ja auch das Problem mit Wasser, Pestiziden etc. Hat alles seine Schattenseiten. Ich liebe die Dinger aber auch….

    • Antworten Christina | feines gemüse 19. August 2018 at 12:48

      Liebe Zorra,
      ach, du hast natürlich recht, an den Erntezeitpunkt habe ich jetzt wirklich nicht gedacht. Tatsächlich schaue ich aber schon länger nach der Herkunft von Avocados, und dass ich hier mal eine aus Europa bekommen hätte – daran kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht liegt das an meinen Händlern, vielleicht wird auch nicht immer jede Herkunft korrekt ausgewiesen. Habe das Gefühl, dass da im Supermarkt eh häufig geschlampt wird, weil es den meisten KundInnen auch egal ist, ob sie nun eine holländische oder spanische Tomate essen. Ich werde aber jetzt häufiger drauf achten, vor allem Anfang 2019!

      Ich habe mal im Zuge einer größeren Zitrusfrüchtebestellung von Mallorca auch Avocados von dort bestellt, die waren tatsächlich klasse.

      Liebe Grüße!

  • Antworten Ole 20. August 2018 at 9:21

    Dieses “kleine Land” Mexiko ist übrigens eines der größten Länder der Erde. Platz 11 nach Bevölkerung, Platz 13 nach Fläche. Quelle: https://en.m.wikipedia.org/wiki/Mexico. Mit knapp 2 Mio. km² ist es 5,5-mal so groß wie Deutschland.

  • Antworten Maja 20. August 2018 at 16:16

    Liebe Christina,
    ganz lieben Dank für diesen tollen Artikel!
    Auch ich liebe Avocado sehr, verzichte aber weitgehend drauf, seit ich den Artikel in der Zeit gelesen habe. Da blieb mir die Guacamole buchstäblich im Halse stecken.
    Aber sie ist ja so fotogen und so healthy, die kleine schrumpelige Avocado…

    Ich wollte dir auch den Mallorca-Tipp geben – ich hatte eben auch eine Kiste Avocado bestellt, als ich Orangen und Zitronen geordert habe. Die waren köstlich und man weiß eben genau, wo sie herkommen. Und dass sie eine Saison haben und nicht ganzjährig für 79 Cent im Angebot erhältlich sind.

    Ähnlich wie in Mexiko habe ich das auch schon in Kalifornien erlebt – bei uns bekommt man sie für weniger als einen Euro hinterhergeschmissen, die Amerikaner müssen im Supermarkt inzwischen locker 3 oder mehr Dollars dafür latzen und überlegen sich dann zweimal, ob eine Avocado im Einkaufswagen landet…

    Danke für die ausführliche Recherche! Ich teile den Artikel sehr gerne und hoffe, dass ihn möglichst viele Menschen sehen und ihren Konsum überdenken.

    Liebe Grüße
    Maja

    • Antworten Christina | feines gemüse 11. September 2018 at 16:09

      Liebe Maja,
      leider ist dein Kommentar im Spam gelandet, deswegen lese ich ihn erst jetzt (*augenrollen*)
      Danke in jedem Fall fürs Lesen und Teilen! Das mit Kalifornien wusste ich gar nicht, aber da ist es ja umso unverständlicher, dass sie hier so viel günstiger sind…

      LG,
      Christina

  • Antworten isa lezmi 21. August 2018 at 11:58

    Autsch, da triffst du aber einen wunden Punkt. Denn Avocados liegen hier eigentlich immer rum. Denn es ist leider auch das perfekte Kinderessen (und das selbst bei kleinen Gemüseverweigerern). Und als Babybrei eignet sich die Avocado auch ziemlich gut. Aber die Kleine mag auch Brokkoli. Also ab jetzt seltener! Verspreche ich mir hiermit selbst. Denn noch ärgerlicher ist ja wenn man denn eine Avocado kauft, sie aufschneidet und sie innen so braun ist, dass sie direkt von Mexiko in den deutschen Müll wandert. Das kann’s ja echt nicht sein! Ich hab mir schon oft gedacht, dass Avocados früher also man sie noch steinhart gekauft hat und sie eeeewig zuhause reifen mussten mehr geschätzt hat, heute kauft man halt mal eben eine essreife Frucht im Angebot.

    Danke für den Denkzettel!

    • Antworten Christina | feines gemüse 21. August 2018 at 16:13

      Liebe Isabel, ich freue mich mega, von dir zu hören!
      Stimmt, es ist echt super ärgerlich, wenn man sich so auf eine Avocado freut und die dann schon lange “drüber” ist…
      Danke in jedem Fall für deinen ausführlichen Kommentar – ich kann mir schon vorstellen, dass eine Avocado bei Kleinkindern gut ankommt: Hübsch grün, verführerisch matschig-weich, mild im Geschmack… hmm.

  • Antworten Julia 22. August 2018 at 14:22

    Toller Artikel, danke!
    Genau aus diesem Grund kauf ich kaum noch Avocado und esse sie fast nur noch ab und zu im Sushi, obwohl ich sie auch total gern mag.

    • Antworten Christina | feines gemüse 22. August 2018 at 19:33

      Vielen Dank, Julia. In Sushi mag ich Avocado auch total gerne, hach.

  • Antworten Dani 3. September 2018 at 16:51

    ​Sehr sehr toller und wichtiger Artikel, danke dir! Ich muss gestehen, dass ich zwar mal davon gehört habe, dass die Ökobilanz der Avocado miserabel ist, aber erst jetzt habe ich gerade mal einen richtigen Überblick bekommen. Wir essen auch 1-2 Mal im Monat Avocados und fast immer “einteilend”. Hört sich doof an, aber gerade um die Wertschätzung etwas zu erhöhen, wird eben nur eine halbe auf einmal gegessen, die zweite Hälfte wandert mit BeesWrap umwickelt oder im Schraubglas in den Kühlschrank und wartet dort für das zweite Gericht. War anfangs etwas ungewohnt, klappt mitterlweile aber super. Wir werden sie auch nicht komplett streichen, aber weiterhin bewusst und in Maßen genießen. Bio ist eh klar, nur Fair Trade Avocados sind leider nicht allzu häufig bei uns zu finden 🙁

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